GE: Säuglingssterblichkeit, Hartz IV und Migrantinnen

Gelsenkirchen/NRW. Im Gesundheitsausschuss (Ausschuss für Gesundheit und Verbraucherschutz) wird am 05.11.2015 das Thema Säuglingssterblichkeit behandelt. Frau Liebers und Kämmerin Welge zeichnen ein gar nicht so schlechtes Bild von der Lage in Gelsenkirchen. Im Gegenteil: Nimmt man die Äußerungen auf der letzten Seite zur Situation ab 2010, inklusive des Schlusssatzes, möchte man, oder besser frau, meinen, es wäre alles in Ordnung:

„Betrachtet man die Drei-Jahres-Mittelwerte, so erkennt man, dass diese Werte seit 2010 stabil sind.“  „Das Netzwerk – GEsunder Start ins Leben – bekam im Jahr 2010 den ersten Preis im Landeswettbewerb „Gesundes Land Nordrhein-Westfalen–Innovative Projekte im Gesundheitswesen“ und ist bis heute als beispielhaftes Netzwerk gegen die Säuglingssterblichkeit in NRW anerkannt.“

Nimmt man im Vergleich dazu die Aussagen, Grafiken und Erläuterungen des zuständigen Ministeriums – Einrichtung LZG NRW – hinzu, schaut frau ein wenig überrascht auf die Grafik. Was heißt Grafik? Grafiken!!

Das LZG.NRW ist neue Einrichtung im nachgeordneten Geschäftsbereich des Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW

Die Statistikdaten im Bereich Säuglingssterblichkeit bildet das Landeszentrum Gesundheit NRW seit 2002 numerisch und grafisch ab. Klinkt man sich links durch die zehn Spalten, fällt eines auf. Gelsenkirchen bleibt als einzige Stadt immer im roten Bereich.

Die ausgezeichnete Projektarbeit scheint irgendwie in der Praxis des Lebens vor Ort nicht richtig gefruchtet zu haben. Die Frühchen sterben. Die Probleme bleiben. Als Ursache nennt das LZG NRW in seiner Erläuterung:

„Säuglingssterblichkeit gilt als Indikator für die allgemeine Qualität der Lebensverhältnisse, z.B. der sozialen Lage und der medizinischen Betreuung.“

Jetzt fragt sich: Wie geht das zusammen? Zumal die Hauptbetroffenen aus den Bereichen Hartz IV und Migrantinnen kommen sollen.

„Im Rahmen NRW-weiter Analysen wurde deutlich, dass die Säuglingssterblichkeit in Städten, die durch einen hohen Anteil an Hartz IV Empfängerinnen und Empfängern, Migrantinnen und Migranten und durch eine hohe Bevölkerungsdichte geprägt sind, am höchsten ist. Die zentralen Probleme bei der Säuglingssterblichkeit sind also nicht nur medizinischer Art sondern auch sozial bedingt.“

In der gleichen Ausschusssitzung heißt es zur Verschiebung der Einführung der Gesundheitskarte auf nächstes Jahr, dass dies für Schwangere kein Problem darstelle. Sie erhielten ohnehin die gesetzlichen Leistungen:

„Werdende Mütter und Wöchnerinnen erhalten alle Leistungen, die auch gesetzlich Versicherten zustehen. Auch amtlich empfohlene Schutzimpfungen und medizinisch gebotene Vorsorgeuntersuchungen sind abgedeckt.
Ausgeschlossen sind rein präventive Maßnahmen, wie beispielsweise Vorsorgekuren oder aber auch aufschiebbare Maßnahmen.“

Schaut man sich an dieser Stelle den aktuellen Bericht „Notwendigkeiten und Möglichkeiten Zugang zur medizinischen Versorgung – Gesundheitliche Aufklärung und Prävention von Migrantinnen in der Sexarbeit“ vom aktuellen Herbst-Symposium in Düsseldorf zum Thema „Gesundheitliche Versorgung von Menschen in prekären Lebenslagen. Dialog Versorgungsforschung NRW“ an, fällt auf, dass bei Migrantinnen in der Sexarbeit „ein anderer Umgang mit Schwangerschaft/Schwangerschaftsabbruch“ vorhanden ist, der begleitet ist von einem „kulturell anderen Verständnis von Gesundheit/Krankheit“. Folie 2

Nachfolgend müssen in Gelsenkirchen – ergänzend zu den beschönigenden Berichten der Verwaltung – folgende Fragen gestellt werden:

  • Braucht Gelsenkirchen möglicherweise die Anbindung an die Lola-App um die Sexarbeiterinnen zu erreichen? Könnte diese Anknüpfung helfen, um die Säuglingssterblichkeit in Gelsenkirchen zum ersten Mal seit 2002 aus dem roten Bereich beim durchschnittlichen Mittelwert zu bekommen?
  • Oder was sind sonst die möglichen Ursachen, dass trotz gesetzlicher Vorsorgeleistungen für schwangere Migrantinnen und Hartz IV-Empfängerinnen der Mittelwert der Säuglingssterblichkeit – im Vergleich zu den anderen Städten in NRW mit ähnlich schwacher Finanzlage – nicht unter 6 Promille auf 1.000 Lebendgeborenen sinkt; in den umliegenden Städten, Gemeinden und Kreisen jedoch schon?
  • Oder gibt es in Gelsenkirchen – wie aktuell für Dortmund (Folie 3 f.) dokumentiert – ein „zentrales Problem: fehlender bzw. ungeklärter Krankenversicherungsschutz“??
  • Müsste der gesetzliche Auftrag aus §§ 2, 4, 9 und 11 Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGDG) und § 19 Infektionsschutzgesetz (IfSG) stärker wahrgenommen werden?
  • Oder spiegelt sich in dem permanent hohen Wert der Säuglingssterberate die mangelnde Ausstattung der Ärzte für obdachslose Frauen wieder?
  • Sind die sechs Hebammen, die die WAZ in ihrem Artikel von Sept. 2015 hierzu nennt, genug?
  • Warum erwähnt die Stadt nicht, dass NRW im Bundesvergleich fast genauso schlecht abschneidet, wie GE in NRW?
  • Sollte nicht zur Verbesserung der Lage eine differenzierte Berichterstattung erfolgen, damit die Arbeit des Migrantenhilfsprogramms „MiMi“ besser eingeschätzt werden kann?
  • Ist die Beschreibung aus Dortmund auch auf Gelsenkirchen zutreffend?
    – Maßnahmen reichen für eine angemessene Versorgung nicht aus
    – die Behandlung akuter Erkrankungen rückt in den Vordergrund
    – die aus medizinischer Sicht weitere Diagnostik bzw.Weiterbehandlung bei niedergelassenen Kollegen/innen oder in Kliniken ist nicht möglich (außer in Notfällen)
    – notwendige Heil- und Hilfsmittel können nicht verordnet werden, da kein Kostenträger zu finden ist

Fehlt zum Abschluss nur noch die Feststellung von Frau Reker aus dem Jahr 2010 zur Lage der Unterversorgung in Gelsenkirchen:

Es ist zu konstatieren, „dass die Standards der Aufgabenerfüllung in Gelsenkirchen z.T. weit unter den Vergleichsstädten lagen.“ -“Es ist daher festzustellen, dass das Angebot kommunaler Leistungen für die Bürger gegenüber dem Landesdurchschnitt, aber auch im Vergleich mit Kommunen ähnlicher Finanzsituation deutlich geringer ausfällt.” Quelle: Entwurf des Haushaltssicherungskonzeptes 2010-2013, Drs. 09-14/516, Pkt. 4.1, H. Reker, S. 9/10

Küssen geboten!

Besser als Händewaschen ist Küssen, so die Wissenschaft: „In einer Studie fanden Wissenschaftler heraus, dass sich Erkältungsviren nur schwer über das Küssen ausbreiten.“

Küssen im Jobcenter senkt den Stress

Wird das Küssen möglicherweise bald Pflicht für Mitarbeiter, so wie ein Krankenhaus in Bochum, nach einem Bericht der WAZ, nun das Verbot des Händeschüttelns erlassen hat; dann könnte das die Beziehungen zwischen Kunde und Persönlicher Ansprechpartnerin im Jobcenter auf ein ganz neues Niveau bringen. Küssen im Jobcenter könnte das Kommunikations– und Gewaltproblem lösen helfen.

Übrigens fanden die Wissenschaftler in der Studie nicht nur heraus, dass sich Erkältungsviren nur schwer über das Küssen ausbreiten. Auch „eine gute Handhygiene ist das richtige Mittel, um Erkältungskrankheiten und Magen-Darm-Infektionen einzudämmen, sind die Forscher überzeugt. Zuhause sollte dies das bewusste Händewaschen mit Seife sein. Unterwegs könnten alkoholgetränkte Tücher Keime abtöten.“

Bei einem Küssgebot im Jobcenter bekäme die Mundhygiene eine viel größere Bedeutung als bislang angenommen.

NEU: Fragebogen für Patienten

 

Hand in Hand – länger leben mit Händewaschen

Vor und nach dem Essen … Händewaschen nicht vergessen!

Tja, heute ist der Internationale Tag des Händewaschens. Das Händewaschen kann das Leben verlängern. Nicht nur im Krankenhaus. Auch zu Hause.

Gelsenkirchen nimmt übrigens mit zwei (kirchlichen) Krankenhäusern teil. Hat aber keine Medaille geholt. 😦

War aber klar, weil das Gerede wie gut Gelsenkirchen aufgestellt ist, nur Palaver ist. NRW steht insgesamt nicht gut da: „Der NRW-Hygieneverordnung fehle es an Nachdruck. Verstöße würden „nicht ausreichend“ bestraft. Pflichtverletzungen bei der Dokumentation und der Bewertung von Krankenhausinfektionen seien „nicht ordnungswidrig“. Und auch die Beschäftigung von ungeeignetem Personal werde nicht automatisch geahndet.“ Zur umstrittenen „Kirchenklausel“ siehe auch die Recherche.

Der NRW-Hygieneverordnung fehle es an Nachdruck. Verstöße würden „nicht ausreichend“ bestraft. Pflichtverletzungen bei der Dokumentation und der Bewertung von Krankenhausinfektionen seien „nicht ordnungswidrig“. Und auch die Beschäftigung von ungeeignetem Personal werde nicht automatisch geahndet.NRW ist bei der Klinik-Hygiene Schlusslicht in Deutschland | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/politik/nrw-ist-bei-der-klinik-hygiene-schlusslicht-in-deutschland-id9041204.html#plx1236530188

„Die Gelsenkirchener Krankenhäuser gehen mit dem Netzwerk „GEmeinsam gegen MRSA“ beispielhaft voran.“, ist eine typisch politische Gelsenkirchener Meinung, die auf Durchhalteparolen und Modellprojekte in der Stadt setzt; die sich aber auch im Medaillenspiegel nicht widerspiegelt.

Bei den Alten- und Pflegeheimen nimmt Gelsenkirchen – gar nicht vorbildlich – überhaupt nicht teil. Das ist sicher nicht im Sinne des Modellcharakters des Netzwerkes. 😦
Auch die Ambulanten in Gelsenkirchen machen nicht mit. Das ist vor allem wegen der kritischen Hygienesituation bei den Rettungsdiensten alles andere als vorbildlich. 😦

Wer also länger leben will, und das ist mit einem nicht existenzsichernden Regelsatz des Alg II schwer genug, sollte sich häufig die Hände waschen.

Anhang

Die vom Bundesministerium geförderte Netzwerk mit Modellcharakter in den Regionen NRW- MRE-Netzwerk (mit Medaillenvergabe)
In welcher Region ist Gelsenkirchen? Ein weißer Fleck in der Qualitätslandschaft?

Modellfunktion? Händewasch-Aktionstag in Gelsenkirchen ein Flop!

Abgehängte Arbeitslose – Mortalitätsrisiko aufgrund billiger Nahrungsmittel

2012/2014. „Da billige Nahrungsmittel mit Zusatzstoffen („processed food”) und insbesondere „fast food“ außerordentlich reich an Phosphatzusätzen sind, wird zum Beispiel in den USA in sozial schwächeren Schichten eine Hyperphosphatämie doppelt so häufig beobachtet wie in Bevölkerungsgruppen mit höherem Einkommen.“

…isst eher tot.