JC-Geschf. Lipka: … tun oft das Falsche

Auslese

Hamburg/Gelsenkirchen. Im Zeit-Interview beschreibt der Geschäftsführer des Jobcenter Gelsenkirchen (IAG) die Situation für Gelsenkirchen.

Lipka: Die Jobcenter in Deutschland konzentrieren sich darauf, so viele Menschen wie möglich in Arbeit zu bringen. Danach werden wir alle bewertet, es gibt Rankings: Je weniger Arbeitslose, desto besser. Das Problem daran liegt auf der Hand. Es gibt einen Anreiz, all jene zu vernachlässigen, bei denen eine Vermittlung eher unwahrscheinlich oder ausgeschlossen ist. Genau diese Leute werden aber in Zukunft das größte Problem sein.

…der klassische berufsqualifzierende Ansatz, an den ich früher auch geglaubt habe. Aber er funktioniert eben oft nicht.

ZEIT ONLINE: Was wäre die Alternative?

Lipka: Wir müssen den Leuten mehr zuhören.

Lipka: Wir brauchen wieder mehr öffentliche Beschäftigung. Wenn die Unternehmen die Jobs nicht schaffen, muss es eben der Staat tun.

….Das Problem ist eher das Denken vieler Unternehmer.

Kommentar von Prof. Sell: „Die Kritik an dem bisherigen Nichtstun der sozialdemokratischen Bundesarbeitsministerin Nahles im Bereich der Förderung von Langzeitarbeitslosen ist wohl mittlerweile in Berlin angekommen und das Ministerium versucht nun, beruhigend zu wirken, was man bekanntlich am besten dadurch macht, dass man energische Aktivitäten – ankündigt, die am besten auch noch von Dritten bezahlt werden (müssen).“ »Das Bundesarbeitsministerium will dem zum Jahresende auslaufenden Förderprogramm „Bürgerarbeit“ für Langzeitarbeitslose ein neues nachfolgen lassen. Das neue Programm im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF) solle im Herbst vorgestellt werden, sagte eine Sprecherin des Ressorts am Freitag in Berlin.«

Siehe auch die Kommentare zum Interview auf zeit-online. Zum Beispiel #9: „… Warum soll in Deutschland noch investiert werden, wenn das Käuferpotential auf der anderen Seite des Globus liegt? Die Jobcenter operieren nach der Arbeitswelt von gestern; befinden sich in einer Art von Gedankengefängnis,in dem man weiter so handelt, als läge die Misere in der Merkmalstruktur der Arbeitslosen.“

#11: „mag es zwar auf direktem Weg den gleichsamen Verschiebebahnhof zwischen Sozial- und Arbeitsamt nicht mehr geben. Dafür schieben aber Vermittler der heutigen Agenturen für Arbeit ihre Kunden in brachialer Manier auf indirektem Weg aus der Arbeitslosen- in die gesetzliche Rentenversicherung ab, wo von ihnen dann über den Zahlbetrag für die Invalidität hinaus Grundsicherung wiederum bei der Kommune zu beantragen ist.

#12: „Da bekommt man richtig Lust, nach Gelsenkirchen zu ziehen.“ (Anm. der Red.: „Nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Die Wirklichkeit im Jobcenter-Alltag sieht anders aus. Was Hr. Lipka sagt, entspricht wohl seinem Wunschdenken. Bei seinen Mitarbeitern herrschen die Vorgaben der Zielerfüllung vor. Maßnahmeplätze müssen nun mal strategisch eingekauft und dann auch besetzt werden. Für individuelle Wünsche a la Lipka („Wir fragen mal den Arbeitslosen“) ist da kein Platz, wo die Wirtschaftlichkeit in Frage steht. Da wird ein Bewerbungstraining zum x-ten Mal vergeben. Hier laufen Menschen rum, die haben schon zehn Mal ein Bewerbungstraining gemacht. Im Übrigen zeugt es nicht von individueller Beratung, wenn das Jobcenter in Gelsenkirchen die Belehrung über den Anspruch auf das Betreuungsgeld, wie Lipka zugibt, nicht vornimmt. Daran erkennt man exemplarisch den wahren Gehalt der Individualitätsbefragung. Grundsätzlich müsste aber das Dilemma um die Weisungen hinsichtlich des Betreuungsgeldes beseitigt werden. )

#21: „Und nun – kaum 10 Jahre stellen Sie fest – die Bundesagentur versagt … Denn

1.)  war die Grundprämisse falsch – alle nur arbeitsscheu
2.)  haben sie gar keine Arbeit zu vergeben – sind also eh überflüssig und
3.)  haben sie nur angelerntes Personal“

#32: „das System ist von vorne bis hinten inkompetent“…“Nach 10 Minuten war das auf 1 Stunde angesetzte Gespräch eigentlich vorbei – wir können nichts für sie tun. 50 Minuten ihrer Zeit war also schon mal sinnlos vergeigt“ … „Auch vielen Dank dafür, dass der Gesetzgeber es nicht vorsieht, dass man Leute in Arbeit mit Weiterbildungen unterstützt“.

#34: „Das alles ähnelt einer „Hühneraugenoperation für Krebskranke“ (Karl Kraus). Nach guter alter Sitte wurden nach einer technischen Revolution die Verlierer immer stigmatisiert und kriminalisiert.“

#35:Besonders hervorzuheben wäre, wie klar Herr Lipka ausspricht, dass die hiesige Wirtschaft viel zu wenig tut, um Arbeitslosen durch Einarbeitung neue Perspektiven zu eröffnen.

#42: „Zeitarbeit gehört abgeschafft, auch die Vermittlung in Zeitarbeit durch private Arbeitsvermittler, welche wiederum Vermittlungsprovisionen vom JC erhalten, gehören ebenso verboten. Es ist ein Unding, dass der Steuerzahler die Vermittlung in Zeitarbeit bezahlt.“

#53: …

#59: „Das ganze Interview geht doch irgendwie ganz merkwürdig am eigentlichen Thema vorbei.“

#60: „Die kapitalistische Produktionweise produziert notwendig eine industrielle Reserve, um die Preise der Ware Arbeitskraft zu senken. Das Problem für den Kapitalismus ist dabei (hevorgerufen durch die technische Revolution), daß die Anforderungen ständig wechseln und die industrielle Reservearmee nicht wächst und die Arbeitslosen in der Tendenz aus dem Reserveheer herausfallen.“

#62: „Für jeden Vermittelten wird ein Anderer entlassen.“

Prof. Sell noch einmal: „Reiner Lipka vom Jobcenter in Gelsenkirchen. Er hat Ideen und probiert diese auch aus, wie man anders umgehen kann mit den Langzeitarbeitslosen – zugleich ist das ein lehrreiches Beispiel für ein letztendlich nicht lösbares Grunddilemma von Arbeitsmarktpolitik, wenn sie denn fokussiert wird (bzw. werden muss) auf die „Angebotsseite“ des Arbeitsmarktes, also auf die Arbeitnehmern und die Arbeitslosen und gleichzeitig kaum oder keine Instrumente auf der Nachfrageseite hat, also bei den Arbeitsplätzen.

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