2010 – 2014: Sprachleitfaden für Jobcenter

Erst dachte ich, ich les nicht richtig. Und habe es so verstanden, dass die Jobcenter-Mitarbeiter Amtsdeutsch lernen sollen. Wäre ja auch angebracht, angesichts der fehlenden Fachausbildung die vielen prekär Beschäftigten im Jobcenter zu eigen ist. Die ehemalige Briefmarkenverkäuferin der Post, der Beamte von der Telekom, die Angestellte von der Stadt… Alle arbeiten im Jobcenter – teilweise mit Rückkehrrecht in ihre alten Dienststellen. Dort haben sie zwar auch „Amtsdeutsch“ gelernt; jedoch anderes, das auf das Fachgebiet des Sozialgesetzbuchs II nicht so recht passen will. Oder möchten Sie zur Antragsabgabe noch Briefmarken kaufen oder umständlich mitgeteilt bekommen, dass ihr Telekom-Anschluss auch im nächsten Monat noch nicht repariert werden kann.

Scherz beiseite. Die fachliche Beratung der Mitarbeiter im Jobcenter lässt schon sehr zu wünschen übrig. Aber auch in dem umgekehrt gemeinten Sinne ist das Fachchinesisch gar nicht das Problem der arbeitenden Menschen. Es ist das der Organisation Jobcenter, die durch die Bundesagentur für Arbeit bereit gestellt wird. Die Briefe schreibt ja indirekt Nürnberg. Also die BA gibt Druckvorlagen, die die Mitarbeiter benutzen. Mit Sprache hat das wenig zu tun. Es ist eine Organisationsverantwortung, die hier im Rahmen von Bürokratieabbau und Bürgernähe Teil eines allgemeinen Problems ist.

Sprachprobleme mit dem Jobcenter-Mitarbeitern gibt es weiterhin. Diese sind von der Art, dass sie entweder zu viel oder zu wenig reden – jedenfalls nicht auf der Ebene einer Verständigung, die signalisiert: ich verstehe deine Probleme und kann dir Hilfe anbieten. Das „Fördern“ aus dem Grundsatzprogramm von Hartz IV findet ja aus den verschiedenen Einspar-Gründen (s. Planungsbriefe zwischen BMAS und BA) kaum bis gar nicht statt, haben Studien ergeben.

Die Ebene gleichberechtigter Kommunikation zu erreichen – hier liegt ein echtes Sprachproblem. Auf der Metakommunikationsebene gibt es immer noch zu sehr auf der Seite hinter dem Schreibtisch die Haltung, die dem Menschen eben nicht das Gefühl vermittelt „Kunde“ oder wenigstens „Bürger“ zu sein, der ebenbürtige Mitspracherechte hat. Hier will die BA aber wohl weiterhin von oben herab und nicht „auf Augenhöhe“ ein Fallmanagement einführen, das seinen Namen auch verdient. Keinen vertrauenswürdigen Kontakt herstellen, der ohne die ständige Drohung der Sanktion auskommt. Alles Komponenten die Experten des Fallmanagements von Anfang an gefordert hatten, und die nie Wirklichkeit wurden.

Schade. Wieder wird nur so getan als ob. Seit 2010 wurden die Briefvorlagen überarbeitet. Am Ende stehen weniger Paragrafen im Raum, so wird gejubelt. – Die Berater und Rechtsanwälte wird es nicht freuen. Hier droht eine Entrechtlichung durch Wegfall der Nennung der gesetzlichen Grundlagen. Das wäre allerdings eine Anpassung an die Wirklichkeit, wie sie von Experten schon lange erlebt wird. Die Jobcenter legen sich ihre eigene Lebenswirklichkeit zurecht, die zudem ob der verstrickten Gesetzes- und Verordnungsgrundlagen, kaum noch nachvollziehbar sind. (Siehe nur das Beispiel zur EAO des LSG NRW im April 2013, wo das Gericht anscheinend gar nicht mehr so recht weiß, welche Rechtsgrundlage es tatsächlich wie anwenden soll).

„180 Druckvorlagen hat die BA in den vergangenen vier Jahren überarbeitet. Arbeitsloseninitiativen und der Paritätische Wohlfahrtsverband halfen dabei mit. Auf den Bescheiden soll auf der ersten Seite klar formuliert stehen, wie entschieden wurde – möglichst ohne ständig auf Paragrafen zu verweisen.

via Sprachleitfaden für Jobcenter: Klartext statt Amtsdeutsch – Süddeutsche.de.

Zur Historie: „Unter dem Titel „Amtsdeutsch adé“ hat die Bundesagentur für Arbeit schon einmal angekündigt, ihre Bescheide zu überarbeiten. Das war im Mai 2010.“

Zur zunehmenden Sprachentziehung („der Diskurs ist von Macht bestimmt“) im Bereich der existenziellen Lebenswirklichkeit – „nichts zu sagen zu haben“ – siehe die Gegenforderung von Habermas mit dem Ideal des machtfreien Diskurses; aber auch: „Macht und Ohnmacht der Sprache“, die lebensweltlich erfahren werden: die Erfahrung der Ohnmacht der Sprache, des Entzugs der Sprache und der Konfrontation mit dem Nichtsagbaren? Inwiefern liegt im Unvermögen zur Sprache ein existentielles Defizit?

Sprache und Gewalt – Kongress der Freien Universität Berlin: „Die vielleicht subtilste performative Technik könnte schließlich als negative Performanz bezeichnet werden. Beleidigen kann ich jemanden gerade auch dadurch, dass ich keine Worte von mir gebe, dass ich die Anrede nicht erwidere oder die Aufforderung zu sprechen missachte. Wir müssen uns daher von der Vorstellung befreien, dass sprachliche Gewaltausübung allein mit dem Äußern von Worten zu tun hat, als vielmehr mit dem Einsatz und der Verteilung von Worten überhaupt.“ – Wir vermögen mit der Konnotation Aussagen zwischen die Zeilen zu setzen, die uns als solche aber nicht zuzusprechen sind, da sie nicht explizit geäußert worden sind. Als Mittel der Verletzung ist diese Art des Sprechens überaus subtil, da sie der angesprochenen Person nicht einmal erlaubt, den verletzenden Akt zu benennen, ohne auf die Äußerung „Das habe ich doch gar nicht gesagt!“ zu stoßen.

In einem Bericht zur verdi-Fachtagung am 16.04.2013 in Düsseldorf zum Thema „Gewalt im Jobcenter“, wird ein Referent zitiert, der einen sprachgewaltigen Ausspruch machte: „Willst du psychisch Kranke sehn‘, musst du nur ins Jobcenter gehn“

Norbert Hermann zur Mitschuld der Jobcenter-Mitarbeiter durch Wegschauen und Nichtstun auf Labournet.de

Kommunikation schulen: Friedemann Schulz von Thun – Miteinander reden 1 – 3

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